7500 Zeichen

 

Im Nachruf zum Tod des Journalisten Michael Jürgs las ich den Satz, „7500 Zeichen am Tag. Die alte Jürgs-Marke. Nicht mehr, nicht weniger. Das war sein Maß. Immer!“ (SZ 05.07.2019). Wow, diese Aussage traf mich im tiefsten Inneren und begleitet mich seitdem. 7500 Zeichen, wie viel ist das denn? Leerzeichen inklusive? Wie ist das mit dem leeren Blatt-Syndrom, dass doch alle Schreiberlinge irgendwann ereilt? Gab es Strategien, Schreibblockaden zu überwinden? Oder kannte der Viel-Schreiber Jürgs so etwas nicht? Hirnaussetzer, lustloses vorm PC sitzen, statt zu schreiben, zu „recherchieren“, wahllos zu surfen? Wie gerne würde ich ihn fragen, nachhaken, lernen von ihm. Schade, muss ich warten, bis ich ihn im nächsten Leben vielleicht treffe.

 

Also, bei meiner Recherche lerne ich, gerechnet wird mit Normseiten. Wie viel Zeichen nun genau eine Normseite enthält, dazu gibt es zahlreiche unterschiedliche Angaben. Eine Normseite enthält mal ca. 1400 bis 1600 Zeichen, inklusive Leerzeichen. Dann wieder 1650 oder 1800 Zeichen. Hier scheint es keine einheitliche Regelung zu geben. Einfachhalber nimmt mancher 1500 Zeichen, inklusive selbstverständlich. 7500 Zeichen sind demnach 5 Normseiten.

 

Michael Jürgs wurde 75 Jahre alt. Wenn ich annehme, er habe sich dieses Maß nach Abschluss seines Literaturstudiums gegeben, sich selbst verordnet oder dies mit sich vereinbart, blieben möglicherweise 50 Jahre Schreiben. Vielleicht mag das mal jemand hochrechnen? Ich wage es einfach: Im Durchschnitt arbeitet jeder ca. 40 Wochen im Jahr, abgezogen habe ich Urlaub, Wochenenden und mögliche Krankheitszeiten – wobei von Jürgs bekannt ist, dass er gerade in Krankheitszeiten geschrieben hat, dies sozusagen eine Medizin für ihn war. Okay, trotzdem, ich probiere es mal, auch wenn mit Sicherheit eher zu niedrig angesetzt. Für Selbstständige nimmt man 10 Monate als Berechnungsgrundlage für notwendig zu erwirtschaftendes Einkommen, das kommt ungefähr hin. Fünf Arbeitstage pro Woche sind auch nur eine vage Größe, aber irgendwo muss ich ja anfangen. 40 mal 5 macht 200 Tage im Jahr, das bedeutet 1.500.000 Zeichen jährlich, oder in Normseiten ausgedrückt, 1000 Seiten. Weitergerechnet, mal 50 Jahre ergibt 10.000 Tage, multipliziert mit 7500 Zeichen zeigt mein Rechner 75.000.000 Zeichen, 50.000 Normseiten. Meine Achtung vor dieser Lebensleistung steigt immens!

 

Übrigens, bis hierhin sind es nun gerade mal 2524 Zeichen, inklusive Leerzeichen, ein Drittel des Tagespensums erreicht, aber nicht mal eine Seite gefüllt. Heißt das nun, ich müsste was anders einstellen in meinem Schreibprogramm? Frustrierend, so ergeben 7500 Zeichen bei mir gerade mal drei Seiten. Kann das sein? Hat dieser großartige Autor „nur“ drei Seiten täglich geschrieben? Oder rührt dies daher, dass alle Schreibblockaden, die ihn ebenfalls irgendwann möglicherweise, unter Umständen ereilt haben, mit eingerechnet sind?

 

Wie bin ich eigentlich zu diesem Text gekommen? Mich hat die Vereinbarung mit sich selbst, die sich für mich dahinter verbirgt, bewegt. Als Wort- und Satzsammlerin bleiben mir meist bei gelesenen Texten ein bestimmter Satz, der mir nachgeht, tage- und nächtelang. Diese Wörter wiederkäue ich, wie eine Kuh ihr Lieblingsessen. Solche Sätze wollen gut verdaut werden. Manche sind schwer verdaulich, weil sie mich, wie erwähnt im Innersten treffen, etwas zum Klingen bringen, mich in Schwingung versetzen.

 

Meine Mentoren sind tatsächlich Texte. Dies kann ein Artikel in der Tageszeitung sein, aus einem Magazin, einem Ratgeber, bis hin zu Gedichten oder Romanen. Ich gehöre zu den Menschen, die immer mindestens einen Bleistift, wenn nicht gar einen Marker beim Lesen zur Hand haben, damit mir diese Kostbarkeiten nicht verloren gehen. Außerdem bin ich gesegnet mit der Fähigkeit eines semi-photographischen Gedächtnisses. Das heißt, ich finde meine Wort-Schätze immer wieder, weil sie abgespeichert werden auf meiner Hirn-Festplatte. Zumindest auf welcher Seite es zu finden ist, in welchem Abschnitt es stand, linke oder rechte Seite. Phänomenal, ich bin selbst immer wieder überrascht und hoch dankbar für diese Fähigkeit, die mir mein Gehirn da schenkt. 4275 Zeichen, ausnahmsweise sprudelt es mal aus mir heraus, danke, wem immer ich dies zu verdanken habe!

 

Zurück zum roten Faden. Ein paar Tage nachdem ich den oben erwähnten Nachruf las und mir eben dieser Satz geschenkt wurde mit den 7500 Zeichen, las ich in einer Kolumne in einer Zeitschrift: „Vereinbare einfach mit dir, dass du es tun wirst, dann brauchst du nie mehr darüber nachzudenken“ (Chen, Kristin zit. in Brandt Corstius/Flow Nr. 41, S. 138).

 

Erneut so ein Satz, der mir als Gedankenkind bleibt und nun lärmend auf sich aufmerksam macht. Übrigens, die „lärmenden Gedankenkinder“ sind eine Wortschöpfung meiner Tochter, die regelmäßig wunderbare Gedichte mit inspirierenden Wortkreationen schreibt. Auch so eine Kostbarkeit, die sich in meinem Wort-Schatzkästchen eingenistet hat.

 

Doch dieser Satz: „Vereinbare einfach mit dir, dass du es tun wirst,…“. Autsch, Treffer, versenkt. Das ist ja gerade der Punkt, der Kasus knacksus. Da gibt es einige Texte, die in mir schlummern, an denen ich in Gedanken schon lange schreibe, die innerlich eigentlich so gut wie fertig sind. Nur, ich tue es nicht, ich setze mich nicht hin und schreibe. Ich bleibe schwanger, oder anders ausgedrückt gehe weiterhin schwanger mit (vermeintlich) großartigen Ideen und Sätzen. Das ist alles nur in meinem Kopf! Und wenn ich freie Phasen habe, zeitliche Ressourcen sich plötzlich auftun, lässt die Prokrastination (Aufschieberitis) grüßen. Da wird geräumt und online gesurft. Und die Mediatheken enthalten so viele wunderbare verpasste Dokus, die ich immer schon „nach-sehen“ wollte. Das kleine Wort „einfach“ liegt mir schwer im Magen, wenn es denn so einfach wäre, jedenfalls für mich ist es das nicht.

 

Nun habe ich also eigentlich die Lösungen für meine Text- und Buchprojekte:

 

7500 Zeichen am Tag. Die alte Jürgs-Marke. Nicht mehr, nicht weniger. Das ist das Maß. Immer!“ und „Vereinbare einfach mit dir, dass du es tun wirst, dann brauchst du nie mehr darüber nachzudenken“. Wenn da nur nicht der, mein innerer Schweinehund wäre.

 

Da fällt mir ein, vor vielen Jahren hat mich ein Satz, eigentlich eher eine Aussage bewegt, ein Klassiker, ein Wort Jesu, indem es um das sich Sorgen um die Zukunft geht: Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.“ (Matthäus 6, 34, Einheitsübersetzung) Das erinnert mich an eine Vereinbarung mit mir selbst, die ich vor langer Zeit getroffen habe, Nur für heute treffe ich Entscheidungen, denn was morgen ist, kann ich heute noch nicht wissen, und es nützt mir nichts, mir darüber Gedanken zu machen. Das trifft auch für meine Vereinbarungen mit mir zu, für heute kann ich sie einhalten. Morgen früh muss ich aufstehen und sie erneut bekräftigen. Okay, heute sitze ich also und schreibe. 6970 Zeichen, noch knapp 500 dann habe ich es für heute geschafft.

 

Wie komme ich jetzt aber aus diesem Text raus? Was ist das Fazit? Braucht es eines? Ist der rote Faden erkennbar? Ging es nur darum, die eigenen gesetzten Ansprüche wenigstens heute und einmal zu versuchen umzusetzen? 7255 Zeichen, puh, gleich fertig. 7500 Zeichen bedeuten tatsächlich und real in meinem Fall zwei Seiten. Dafür habe ich knapp zwei Stunden benötigt, allerdings ist es auch gesprudelt, ich war schon schwanger mit diesem Text. Scheint machbar, diese Vereinbarung.

 

7545 Zeichen, Ziel erreicht.

 

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