Mai 2024

 

Wie ist das eigentlich, wie bekommt man das hin, tatsächlich den eigenen Stärken zu vertrauen? Gestern habe ich gelesen, wie wichtig es im beruflichen Kontext ist von dem zu erzählen, was gelungen ist. Neudeutsch ausgedrückt, visibility ist ein zentraler Faktor für all die, die gerne beruflich erfolgreich sein möchten. Ich merke, das fällt mir schwer. Und immer wieder stehe ich staunend davor, wie andere, vor allem jüngere Kolleg*innen sich damit leichter zu tun scheinen. Möglicherweise liegt das auch daran, dass ich (wie viele meiner Generation) mit Sätzen aufgewachsen bin wie: "Nimm dich nicht so wichtig. Die will sich in den Mittelpunkt spielen. Sprich erst, wenn du angesprochen wirst." u.ä. Gleichzeitig stimmt, wenn ich nicht erzähle von dem, was gelungen ist, was meine Arbeit ausmacht, wer dann? So bleibt vieles unter dem Radar, weil es nicht sichtbar ist und wird.

 

Anfang Mai war ich eingeladen einen Workshop in einer Schule zu gestalten. Schulleitung und Lehrkräfte kamen mit konkreten Praxisbeispielen, für die sie sich handfeste Lösungsmöglichkeiten erhofften. Das führte dazu, dass ich kurzerhand mein theoretisches Konzept über den Haufen warf und wir entlang der Erlebnisse im Dialog und wertschätzenden Diskurs Ideen entwickelten.

Es ging um die Frage, wie man lösen kann, Kosten von Zusatzangeboten, die nicht aus dem Schulbudget finanzierbar sind armutssensibel zu gestalten und gleichzeitig mit wahrgenommener "erlernter Hilflosigkeit" von Schüler*innen umzugehen und Eltern nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen. In diesem Beispiel stecken mehrere dilemmatische alltägliche Erfahrungen mit und Ebenen von finanzieller Armut in Schule. Entlang der impliziten Themen: Kosten; beschämende Situationen für Schüler*innen und deren Familien; Stärkung von Eigenverantwortlichkeit und Resilienz; und Klärung des realen pädagogischen Auftrags von Schule (An wen richtet sich der Erziehungsauftrag?) bearbeiteten wir gemeinsam den Dreiklang Wissen (vermitteln) - Haltung (reflektieren) - Handeln (ableiten). Das Kollegium erarbeitete erste Ideen einer Handlungsstrategie, die nun erprobt werden sollen. Es wird ein Jahresplan erstellt für alle schulischen Projekte, die Zusatzkosten verursachen inklusive einer Kostenkalkulation. Gemeinsam mit allen Schüler*innen wird überlegt, wie diese Kosten gestemmt werden können (Beiträge je nach Möglichkeiten, Verkaufsaktionen, Sponsoren gewinnen, etc.).

 

Als ich den Workshop reflektierte, war ich ein wenig zwiegespalten. Einige theoretische Inhalte habe ich nicht vermittelt. Für mich relevante Methoden (z.B. Kleingruppen zu kognitiver Empathie und Kontext-Kompetenz) wurden nicht angewandt. UND wir haben in einem Miteinander das bearbeitet, was den Teilnehmenden wichtig war, ihnen auf den Nägeln brannte.

 

Zurück zum Vertrauen in meine Stärken. Ich bin geübt darin Seminare und Workshops zu konzipieren und diese erfolgreich durchzuführen, meine Konzepte geben mir dabei auch Sicherheit. Zielgerichtet wird auf den Transfer in die Praxis hingewirkt. Aus mehr als 30 Jahren Fortbildungspraxis weiß ich, diese Vorgehensweise funktioniert meistens. Sich auf Prozesse einzulassen jenseits von vorher besprochenen Ideen und Abläufen braucht etwas mehr Mut und Vertrauen in meine Kompetenzen. Zugleich fühle ich mich in der Rolle der Prozessbegleiterin wie ein Fisch im Wasser, also, wenn ich genau so, wie oben beschrieben arbeiten darf. Ich fühle mich ganz nah an den Menschen, ich füge Mosaike zusammen, ich begleite durch den Erfahrungs- "Dschungel" und am Ende sind Beteiligte gestärkt für ihre eigenen Wege. Ich erlebe, auch das führt dazu, dass Ideen tatsächlich in die Praxis übersetzt und umgesetzt werden. Und auch diesmal ertönt die Stimme meines inneren Navis: "Sie haben das Ziel erreicht!"

 

LESENSWERT: Außerdem empfehle ich Ihnen meinen kürzlich beim DRK erschienen Blog-Beitrag Wissen - Haltung – Handeln: Armutssensible Praxis in der DRK Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.

 

Nun wünsche ich Ihnen gutes Gelingen und ermutigende Erfahrungen, wenn Sie auf Ihre Stärken vertrauen!

 

Einen sonnigen Mai und herzlichen Gruß

Anita Meyer

 

 


Wer ich bin...

Bildungswissenschaftlerin

Diplom Sozialpädagogin (FH)

zertifizierte systemische Supervisorin

zertifizierte systemische Coach

Was ich will...

Möglichkeitsräume erschließen

Chancen für Teilhabe schaffen

Armutssensibel Handeln ermöglichen